Über den "Sozialstaat" und die Freiheit des Geldes

Seit Oktober 2017 bin ich am Studieren. Studium. Mit dem Wort wird etwas verbunden, und zwar Freiheit. Damit meine ich jetzt nicht die Freiheit, morgens zu entscheiden, ob ich ausschlafen oder zur Uni fahren will. Ich meine damit tatsächlich finanzielle Freiheit. Ja, das sage ich als Student.

Aufgefallen ist mir das deshalb so extrem, weil ich aus einem Haushalt komme, in dem Geld immer knapp war. Immer. Egal, an welchen Moment ich in meiner Kindheit zurückdenke, immer musste explizit darauf geachtet werden, dass alles sich in einem gewissen finanziellen Rahmen bewegt. Und wenn meine Klassenkameraden in den Sommerferien nach Spanien, Griechenland oder Ägypten geflogen sind, blieb ich zuhause. Nicht, weil mich die Kultur in den anderen Ländern nicht interessiert, nein, es fehlte einfach an dem finanziellen Spielraum.

Dennoch bin ich Mama dankbar, dass sie immer darauf geachtet hat, dass ich ein Leben führen kann, welches erfüllend war. Sie hat immer dafür gekämpft (und tut es noch immer), dass die Interessen ihrer Kinder und deren Schulaufgaben erledigen können. (Danke dafür, Mama. Du bist und bleibst die Beste.)

Wenn ich so einigen Politikern zuhöre, wird mir immer schlecht, wenn ich von "die Arbeitslosen", "die Hartz IV-Empfänger" oder im Extremfall Begriffe wie "Bodensatz" oder "Sozialschmarotzer" fallen. Ich wünsche es keinem, mal auf diesem Niveau leben zu müssen.

Der Hartz IV-Satz liegt momentan bei knapp 400 Euro. 400 Euro. Das ist wenig. Sehr wenig. Ich höre dann oft "Dann sollen die sich doch einen Job suchen". Klar, Jobs gibt es tatsächlich. Aber nur in wenigen verdient man gleich so viel, um nicht mehr abhängig zu sein. Wisst ihr, was in der Zwischenzeit passiert? Das Einkommen wird gegengerechnet. Genau, man geht arbeiten und hat am Ende des Monats genauso viel Geld, wie ohne Arbeit. Ja, es kommt noch ein Freibetrag von 20% dazu, den man behalten darf. Angenommen, man findet erstmal einen Job, der irgendwo über der Minijob-Grenze liegt, also sagen wir mal 600 Euro. Für 120€ mehr im Monat geht man arbeiten. Sind insgesamt 520€. Später ne Lohnerhöhung auf 1200€, dann sind nur noch 10% anrechnungsfrei. Also 120€. Kann mir bitte mal jemand verraten, wo da die Motivation herkommen soll? Oder wie sich "die Mittelschicht" nicht vor dem sozialen Abstieg fürchten soll?

Aber wenn man nichts macht, dann darf das Jobcenter Sanktionen verhängen, die dann dafür sorgen, dass man noch weniger als wenig zur Verfügung hat. "Sozial" nennt sich das dann. Meine Fresse, ey. Das ist weder sozial noch human. Das ist dem wirtschaftsstärksten Land Europas einfach unwürdig. Lässt sich auch immer gut ein einzelnen Beispielen festmachen. Wenn selbst Betteln – etwas, wofür Menschen ihre Würde aufgeben – als Einkommen angerechnet wird.

Glaubt mir, der Hass auf die Flüchtlinge aus besagter Schicht ist nicht zwingend immer Fremdenfeindlichkeit, bei der sozialen Ungerechtigkeit hält man Gerüchte einfach eher für wahr. Und bei einer 40-Stunden-Woche findet man auch einfach nicht mehr die Kraft oder Zeit, Nachrichten zu lesen. Da ist man froh, wenn man in Ruhe schlafen kann.

Aber kommen wir wieder zu mir zurück. Ich bekomme aufgrund der finanziellen Situation meiner Eltern, den BAföG-Höchstsatz, der liegt bei 649 Euro. Das sind schon 250 Euro mehr, als für einen Hartz IV-Empfänger. Ja, muss ich zurückzahlen, aber dennoch bleibt die Frage: Warum? Warum bekomme ich 250 Euro mehr im Monat, obwohl ich die gleichen Lebensunterhaltungskosten habe? (Hartz IV-Empfänger müssen ÖPNV-Tickets etc. selbst kaufen, Studenten zahlen das in der Regel über den Semesterbeitrag, daher lässt sich das denke in einer gewissen Form vergleichen). Ich kann mir die Antwort denken: Studenten sind gut für die Wirtschaft des Landes, da gebildete Arbeitskräfte immer benötigt werden. Arbeitslose sind, so zumindest der erweckte Eindruck, nichts als Kostenfaktoren. Schlecht für die Wirtschaft. Überhaupt, Wirtschaft. Wenn es der Börse gut geht, geht es auch den Menschen gut. Guter Witz. Aber das ist nochmal ein ganz anderes Thema.

Das ist zusammenfassend eine beschissene Situation für eine Wirtschaftsnation dieser Größe. Ach übrigens: Die 649 Euro sind nicht alles, aufgrund des Alters kommt noch Kindergeld in Höhe von ca. 200 Euro hinzu.

Das macht insgesamt 450 Euro mehr im Monat.

Eine ganze Stange Geld. Diese 450 Euro ermöglichen es mir, dass ich nicht jeden Cent umdrehen muss. Dass ich im Supermarkt überwiegend die Bio-Produkte kaufen kann. Dass ich spontan mit Freunden oder Arbeitskollegen ins Restaurant gehen kann, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Dass ich mir keine Gedanken darüber machen muss, ob das Geld bis zum Ende des Monats reicht. Dass ich das Kulturangebot in Form von Büchern, Theaterbesuchen, o.ä. jederzeit in Anspruch nehmen kann, das einzig und allein meine Lust darüber entscheidet, was ich im Moment machen will. Das ist ein unglaublicher Gewinn an Lebensqualität.

Und ich glaube ernsthaft, dass dieser Gewinn an Lebensqualität bei den Debatten um eine Erhöhung des Mindestlohns gerne vernachlässigt wird, es ist für die Debattierenden zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Dabei sollte es das Ziel einer Gesellschaft sein, dass diese Lebensqualität für jeden Menschen erfüllbar ist, unabhängig von dessen finanziellem Status.

In diesem Kontext, eine abschließende Empfehlung: Ich bin Deutscher, was soll ich mit Lebensfreude?